Am 1. Januar 2008 ist in Deutschland das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung in Kraft getreten. Bereits einen Tag zuvor haben Bürgerrechtler in Karlsruhe die mit Abstand größte Verfassungsbeschwerde in Deutschland eingereicht, um das Gesetz zu verhindern. Gleichzeitig finden deutschlandweit Trauermärsche zum “Tod” der Privatsphäre statt, der erste an Silvester in Hamburg.
Wie nötig diese Proteste sind, zeigt ein Blick auf das kürzlich veröffentlichte International Privacy Ranking 2007 ((2007 International Privacy Ranking)), in dem Deutschland einen deutlichen Abstieg zu verbuchen hat. Vom letztjährigen Spitzenplatz ist Deutschland auf Rang sieben innerhalb der EU abgestürzt – als Begründung wird unter anderem die neu eingeführte Vorratsdatenspeicherung genannt.
Um deren weitere Durchsetzung zu verhindern, hat der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung in Zusammenarbeit mit dutzenden weiteren Organisationen eine Sammelklage vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe initiiert. Mit über 30.000 Unterstützern handelt es sich dabei mittlerweile um die mit Abstand größte Beschwerde dieser Art in Deuschland – ein deutliches Zeichen an die Politik. Am 31. Dezember haben in acht Erstbeschwerdeführer in Karlsruhe schließlich die 150 Seiten umfassende Klageschrift des Berliner Anwaltes eingereicht – da die Einsendungen noch nicht alle ausgezählt sind, muss die Masse der Mandate nachgereicht werden. Gleichzeitig wurde auch ein Eilantrag an das Gericht gestellt, um eine zeitnahe Rücknahme des Gesetzes zu erreichen ((Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung | Verfassungsbeschwerde und Eilantrag gegen Vorratsdatenspeicherung eingereicht))
Dass die Problematik in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen ist, zeigen auch einige seit Neujahr veröffentlichte Beispiele, die bereits ein Kommunikationsverhalten dokumentieren, das – wie von Verfassungsschützern im Voraus befürchtet – deutlich durch das Bewusstsein der Überwachung geprägt ist. So berichtet lawblogger Udo Vetter von einem potenziellen Mandanten, der befürchtet, durch Telefonate mit dem Anwalt in Verdacht zu geraten ((law blog | Angst vorm Telefon)). Augsblogger Sasche berichtet von dem ähnlich gelagerten Fall seiner Kollegen, der zur Recherche ein Treffen mit einem Informanten ausmachen musste – weil der nicht mehr mit ihm telefonieren möchte ((Augsblog | Die Angst telefoniert mit)).
Dennoch gibt es weiter Bemühungen, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung konzentriert sich dabei in einer deutschlandweiten Aktion auf den “Tod der Privatsphäre” durch die Totalüberwachung der Telekommunikation.
Um diesen in Trauerfeiern zu begehen, tourt derzeit ein Sarg von Norden nach Süden durch die Republik, um der Privatsphäre in Trauermärschen zu gedenken ((Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung | Bundessarg)). Nach Kundgebungen in Hamburg ((Trauermarsch in Hamburg)) und Kassel sind weitere Protestaktionen in Frankfurt (03. 01.) und Ulm (05. 01.) geplant. Den Abschluss wird eine Demonstration in München unter dem Motto “Was zählt ist Freiheit” bilden ((“Was zählt ist Freiheit” – Demonstration in München)).
Dieser Name ist angelehnt an eine gleichzeitig stattfindende Veranstaltung mit Innenminister Wolfgang Schäuble unter dem Leitwort “Was zählt ist Sicherheit” ((“Was zählt ist Sicherheit”)). Bereits im vergangenen Jahr waren am 6. November in München 2000 Menschen gegen die kurz darauf verabschiedete Vorratsdatenspeicherung auf die Straße gegangen ((Demonstration in München am 9. November 2007)).
Was kann ich tun?
Im Rahmen der “Bundessarg” Aktion finden drei Demonstration in Frankfurt, Ulm und München statt, an denen du dich beteiligen kannst:
Frankfurt | 03. Januar
Wann? 19:00 Uhr
Wo? Paulskirche
Ulm | 05. Januar
Wann? 15:00 Uhr
Wo? Hirschstraße
München | 06. Januar
Wann? 12:30 Uhr
Wo? Alte Kongresshalle, Theresienhöhe 15
Es wird allgemein erbeten, dem Anlass, also einer Trauerfeier, entsprechend gekleidet zu erscheinen (wenn möglich) und eine angemessene Haltung zu bewahren.


Verfasst von simoncolumbus 

Angesichts der breiten Unterstützung für die Demonstration, die allerdings nicht vom bekannten Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, sondern von dem Kölner Verein Freiheit ist Sicherheit organisiert wurde, war die Zahl der Demonstranten nicht zufriedenstellend, nachdem zuletzt in Berlin am 22. September und bundesweit am 6. November jeweils mehr als 12.000 Teilnehmer gegen die Vorratsdatenspeicherung auf die Straße gegangen waren.
Obwohl die Vorratsdatenspeicherung bereits vor zwei Wochen durch die Große Koalition im Bundestag beschlossen wurde, endete die Kundgebung mit dem eindringlichen Aufruf von Co-Organisator Klaus Wockenfoth, den Kampf weiter zu führen – und sich hoffentlich auch noch einmal in Köln wiederzusehen.
Am Freitag, den 09. November wird der Deutsche Bundestag das neue Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung mit den Stimmen der Großen Koalition verabschieden. Damit werden zum 01. Januar alle Verbindungsdaten der Telekommunikation aufgezeichnet und über 6 Monate gespeichert – Anrufe, SMS- und eMail-Verkehr, Handystandort, besuchte Websites.